Brauchen Raucher Therapie?

Ein Raucher ist doch nicht krank, höre ich oft. Nikotinsucht kann nicht mit Alkohol- oder Drogensucht verglichen werden, sagen viele. Ich sage: es kommt darauf an. Zum einen kommt es auf die jeweilige Rauchergeschichte an, zum anderen auch auf die Form der Therapie.

 

Im ICD-10 (International Classification of Diseases) sind im Kapitel V (F) die diagnostischen Leitlinien für psychische Störungen aufgelistet. Unter F17.1 findet man den schädlichen Gebrauch, unter F17.2 das Abhängigkeitssyndrom, unter F17.3 das Entzugssyndrom im Zusammenhang mit psychischen und Verhaltensstörungen durch Tabak. Damit wäre die Frage der Krankheit schon mal geklärt. Lange Zeit hat man geglaubt, Rauchen sei nur eine schlechte Gewohnheit, die man mit etwas Willen ganz einfach ablegen könne. Für viele Raucher passt das auch. Für viele andere gelten die oben genannten Kriterien. Gehen wir sie einmal der Reihe nach durch.

 

Als schädlicher Gebrauch gilt der Konsum einer Substanz dann, wenn nachweisbar die psychische oder physische Gesundheit des Konsumenten geschädigt ist. Für Raucher trifft das zum Beispiel zu, wenn der morgendliche Husten zum täglichen Ritual im Badezimmer gehört. 

Ein Abhängigkeitssyndrom ist schon die nächste Stufe. Ich zitiere das ICD-10:

"Es handelt sich um eine Gruppe körperlicher, Verhaltens- und kognitiver Phänomene, bei denen der Konsum einer Substanz oder einer Substanzklasse für die betroffene Person Vorrang hat gegenüber anderen Verhaltensweisen, die von ihr früher höher bewertet wurden. Ein entscheidendes Charakteristikum der Abhängigkeit ist der oft starke, gelegentlich übermächtige Wunsch, psychotrope Substanzen ... oder Tabak zu konsumieren."

Den gelegentlich übermächtigen Wunsch nach einer Zigarette kennen die meisten Raucher. Auch das mit dem Vorrang kommt Ihnen vielleicht bekannt vor? Ich hatte vor Jahren eine Freundin, die ich sehr gern hatte und die ich dennoch nur sehr selten besuchte. Sie und ihre Familie sind Nichtraucher, es gab für mich in ihrem Haus keine Gelegenheit, meine Sucht zu befriedigen. So verzichtete ich lieber regelmässig auf Kontakt, obwohl ich das sehr schade fand. Ein mir nahestehender Raucher geht nur im Sommer auswärts essen. Dann kann er draußen sitzen und vor dem Essen, zwischen den Gängen und gleich nach dem Nachtisch sitzenbleiben und rauchen, rauchen, rauchen...

Das Entzugssyndrom kennen Sie möglicherweise auch schon. Das tritt bei Rauchern oft schon nach einer Stunde ohne Zigarette auf. Egal in welcher Situation man sich gerade befindet, es beginnt eine mehr oder weniger angestrengte Suche nach Rauchmöglichkeiten. Man wird unruhig und nervös, der Gedanke an eine Zigarette tritt in den Vordergrund. Manche beginnen zu schwitzen, andere haben großen Durst oder bringen sich mit zahllosen Keksen über die Runden. Ein stark abhängiger Raucher kann durchaus leicht aggressiv werden, wenn keine Aussicht auf eine schnelle Zigarette besteht.

 

Wie ist das nun mit der Therapie für Raucher? Hier können zwei Aspekte beachtet werden. Es ist oft hilfreich herauszufinden, welchen Nutzen Ihnen die Zigaretten bieten. Niemand raucht ohne Nutzen. Ist es die vermeintliche Entspannung? Können Sie sich besser konzentrieren? Hilft Ihnen eine Rauchpause, Abstand zu einer belastenden Situation zu gewinnen? Warum haben Sie damit angefangen und wie hat sich Ihr Rauchverhalten weiter entwickelt? Das wird in Gesprächen gemeinsam herausgearbeitet, in freundlicher, unterstützender Atmosphäre.

Fast alle Raucher pflegen feste Rituale und verknüpfen den Konsum von Zigaretten mit bestimmten Situationen. Diese Verknüpfungen gilt es mit Hilfe der kongnitiven Verhaltenstherapie zu erkennen und aufzulösen. Es werden neue, individuelle Rituale geschaffen, die ohne Nikotinkonsum den gleichen Zweck erfüllen wie die alten, aufgegebenen. Das Gefühl von Verlust und Verzicht wird ersetzt durch einen Zugewinn, den man schon kurz nach Beginn des Rauchstopps erfahren kann.

 

So bleibt am Ende festzustellen, dass es viele Raucher mit fachlicher und empathischer Unterstützung deutlich größere Chancen haben, vom Nikotin loszukommen.

 

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